Rechtspolitische Ausgangslage
Die innenpolitische Lage Georgiens wurde in der zweiten Jahreshälfte 2012 von den Parlamentswahlen am 1. Oktober bestimmt. Seit 2004 wurde Georgien von Präsident Saakaschwili und dessen Partei „Vereinte Nationale Bewegung“ (VNB) regiert. Sein Reformkurs und die starke Orientierung nach Westen, speziell den USA, stieß in den letzten Jahren zunehmend auf Widerstand in der Bevölkerung. Daher war die politische
Situation vor den Parlamentswahlen sehr angespannt.
Infolge einer Verfassungsänderung von Anfang 2012 hat das Parlament eine stärkere Position inne, daher waren die Wahlen von hoher Bedeutung für die politische Zukunft des Landes. Die Parlamentswahlen sind frei, fair und friedlich verlaufen und stellen einen wichtigen Schritt zur Festigung der Demokratie in Georgien dar. Gewinner der Parlamentswahlen ist das Oppositionsbündnis „Georgian Dream“, angeführt von Milliardär Bidsina Iwanischwili. Präsident Saakaschwili räumte die Niederlage seiner Partei VNB ein und kündigte zunächst kooperative und konstruktive Oppositionsarbeit mit der „Georgian Dream“-Koalition an. Angesichts seiner schwindenden Macht opponiert der Präsident nun jedoch teilweise öffentlich gegen das Parlament und die neue Regierung, so dass die politische Lage angespannt bleibt. Im Herbst 2013 stehen Präsidentschaftswahlen und im Jahr 2014 Kommunalwahlen an.
Nach dem politischen Wechsel haben sich die Ansprechpartner der IRZ auf der Führungsebene im Justizministerium sowie im Strafvollzugsministerium geändert. Dies ist jedoch nach derzeitiger Einschätzung zu begrüßen, da die neuen Verantwortlichen den Bedarf an wichtigen Gesetzesreformen, etwa im Straf- und Strafverfahrensrecht, im Ordnungswidrigkeitenrecht, sowie im Arbeits- und Beamtenrecht sehen. Einige Reformen wurden bereits in Gang gesetzt, und eine Unterstützung durch die IRZ ist sehr erwünscht. Hieraus geben sich neue Perspektiven für eine Zusammenarbeit mit beiden Ministerien. Gleichwohl müssen die aktuellen politischen Entwicklungen weiter kritisch beobachtet werden.
Bisherige Zusammenarbeit
Die IRZ konnte die Kooperation mit Georgien in den vergangenen Jahren nicht nur festigen, sondern erheblich ausbauen. Da gerade das Justizministerium zuletzt als Ansprechpartner an Bedeutung verloren hatte, konzentrierten sich die Aktivitäten auf das Ministerium für den Strafvollzug sowie auf verschiedene Partner auf Arbeitsebene. Haupttätigkeitsbereiche waren daher das Strafvollzugswesen, das weiterhin umfassender Reformen bedarf, sowie die Stärkung der Anwaltschaft und die Förderung methodischer juristischer Arbeitsweise.
Strategisch ist die bewährte Kooperation mit Georgien auch für die Zusammenarbeit mit den Nachbarländern Armenien und Aserbaidschan von hoher Bedeutung. Georgien pflegt mit beiden Staaten gute Beziehungen, die für regionale Projekte in Südkaukasus hilfreich sind. So ermöglichen etwa Regionalkonferenzen in Georgien einen fachlichen Austausch zwischen juristischen Praktikern auch aus Armenien und Aserbaidschan – trotz der politischen Probleme zwischen diesen beiden Staaten.
Ausblick
Gleich zu Beginn des Jahres 2013 wird eine wichtige multilaterale Konferenz in Tiflis stattfinden. Gemeinsam mit dem Ständigen Büro der Haager Konferenz für Internationales Privatrecht lädt die IRZ Teilnehmer aus elf Ländern zum Erfahrungsaustausch über die Umsetzung von Haager Konventionen im Familienrecht und der internationalen zivilrechtlichen Zusammenarbeit ein.
Ein neuer thematischer Schwerpunkt in 2013 wird die Unterstützung des Justizministeriums bei anstehenden Gesetzesnovellierungen sein, die genauen Themen werden noch identifiziert. Auch soll die Zusammenarbeit mit dem Training Center of Justice, dem zum Justizministerium gehörigen Ausbildungszentrum, wieder aufgenommen werden.
Die enge Zusammenarbeit mit dem Ausbildungszentrum für Strafvollzug wird fortgesetzt. Schwerpunkte sollen dabei die Bereiche Personalführung und Mentoring sein. Im Rahmen des seit Dezember 2010 laufenden Methodologie-Projekts zur Ausbildungsreform sollen die erarbeiteten Materialien dann erprobt werden. Nach einer Training of Trainers-Phase soll die Methodik an einigen Fakultäten als Pilotprojekt in enger Kooperation mit der GIZ angewandt werden. Daneben soll der Austausch zwischen dem georgischen Anwaltverein und dem Deutschen Anwaltverein weiter intensiviert werden, um die bessere Positionierung und Interessensvertretung der Anwälte in ihrem rechtspolitischen Umfeld zu unterstützen.